Die Notwendigkeit einer Neuorientierung: Interkulturelle Öffnung der Bezirksverwaltung Friedrichshain-Kreuzberg

 

Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg leben 249.267 Menschen aus 158 Staaten. Davon 146.033 im Ortsteil Kreuzberg. Von diesen sind 46.902 Migrant/innen (32,10%). Unter den 98.000 Friedrichshainer/innen sind 10.733 Migrant/innen (10,40% – Stand 12/2003).

Mit der zunehmenden transnationalen Ausrichtung und Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft, Medien und Gesellschaft wächst auch die Mobilität der Menschen. Nationale, ethnische und kulturelle Zugehörigkeiten verändern sich mit der Folge, dass unser Zusammenleben von einer wachsenden Internationalisierung geprägt ist. Die internationale Vernetzung von wirtschaftlichen und anderen Interessensgruppen sowie die innereuropäische Öffnung der Grenzen bringen zahlreiche Chancen, aber auch Risiken für unsere Gesellschaft mit sich.

Unser Bezirk hat in den letzten Jahrzehnten in vielen Bereichen von der Zuwanderung enorm profitiert. Durch die Begegnung der Kulturen im Alltag bildeten sich neue Erfahrungshorizonte:

  • in unseren Berufsfeldern<
  • in der Bildung;
  • in der Wissenschaft;
  • in den Künsten;
  • beim Sport sowie
  • in unserem Ernährungs- und Konsumverhalten.

Die Integration von Migrant/innen und Flüchtlingen stellt insbesondere für kommunalpolitische Behörden und Gremien eine große Herausforderung dar. Migrationspolitik ist eine gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe. Die Öffentliche Verwaltung hat – da sie dem Gemeinwohl verpflichtet ist – eine ganz besondere Vorbildfunktion gegenüber allen Einwohner/innen ihrer Kommune. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat in seiner Tätigkeit darauf hinzuwirken, dass die Verwaltung auch von Menschen nichtdeutscher Herkunft als «ihre» Verwaltung akzeptiert wird.

Die Umsetzung des Konzeptes zur Interkulturellen Öffnung der Bezirksverwaltung soll eingebettet werden in die dafür erforderlichen Vorgaben der Grundsätze der Berliner Verwaltungsreform. Besondere Berücksichtigung soll dabei die Kundenfreundlichkeit der Verwaltung sowie das Qualitäts- und das Beschwerdemanagement finden. Nicht nur die politische Leitung muss für dieses Vorhaben gewonnen werden, sondern ebenso wichtig ist die «Akzeptanz von unten». Die betroffenen Beschäftigten sowie die Personalvertretung sind in alle Phasen der Planung und Umsetzung aktiv einzubeziehen.

In diesem Sinne hat die BVV Friedrichshain-Kreuzberg am 20.03.2002 die Drucksache 100/II beschlossen. Das Ziel dieses Konzeptes ist die «Interkulturelle Öffnung und Sensibilisierung» aller bezirklichen Dienste und Einrichtungen.

Notwendige Voraussetzung für die interkulturelle Öffnung ist die interkulturelle Kompetenz. Sie zeigt sich in der Haltung, den Anderen in seiner Art zu sein anzunehmen und zu respektieren, die weder einer herablassenden, abwertenden Behandlung Raum gibt, noch eine Art Bittstellertum zulässt und das Gegenüber auch nicht als Exot behandelt.

In der interkulturell-pluralen Gesellschaft erfordert eine Beobachtungs-, Analyse-, Planungs-, Handlungs- und Reflexionskompetenz stets den Blick auf interkulturelle Situationen. Eine Vermittlung dieser Kompetenz steht also nicht neben diesen Qualifikationen, sondern sie ist ihr integraler Bestandteil. Innerhalb dieses Prozesses sollen ganzheitlich die rechtlichen, politischen, sozialen gesundheitlichen und geschlechtsspezifischen Aspekte, die die Lebensumstände der Einwohner/innen eines Bezirkes prägen, einbezogen werden. Dementsprechend orientiert sich die Zielerreichung auf zwei Ebenen:

  1. als Zielvereinbarung für die gesamte Verwaltung («Konzernziel»);
  2. als individuelle Handlungskomponente des/der einzelnen Mitarbeiters/in.

Die Umsetzung des Hauptziels soll in bestimmten Schwerpunkten erfolgen. Folgende Maßnahmen bieten sich dafür an:

Öffentlicher Dienst als Service und Arbeitgeber:

Die Aufnahme von Minderheitenangehörigen in den öffentlichen Dienst steigert vielfach die Effizienz von staatlichen und kommunalen Serviceleistungen. Mitarbeiter mit Migrationshintergrund werden als Ressource betrachtet, um staatliche Dienstleistungen kundengerechter zu gestalten. Ihre Präsenz erhöht die Bereitschaft seitens der Migrant/innen-Communities Serviceleistungen überhaupt in Anspruch zu nehmen. Mehrsprachige Mitarbeiter/innen steigern die Effizienz in Beratung und Abwicklung und verringern die Kosten für Übersetzungen. Nicht zuletzt vermittelt ein multiethnischer öffentlicher Dienst auch für Migrant/innen das Bewusstsein, dass staatliche Einrichtungen nicht «Inländern» vorbehalten sind, sondern die Bedürfnisse der gesamten Gesellschaft wahrnehmen.

Ethnische Minderheiten sehen sich auf dem regulären Arbeitsmarkt strukturellen Benachteiligungen und direkten wie indirekten Diskriminierungen ausgesetzt. Der öffentliche Dienst kann eine zentrale Funktion bei der Schaffung von Arbeitsplätzen für benachteiligte Gruppen am Arbeitsmarkt erfüllen. Einstellungsinitiativen für Angehörige von ethnischen Minderheiten erfüllen daher auch eine arbeitsmarktpolitische Funktion und fördern die soziale Mobilität dieser Gruppen. Dazu gehört die professionelle Weiterbildung von Minderheitenangehörigen, denn wie in anderen Branchen finden sich Einwander/innen und Angehörige von Minderheiten überwiegend auf den niedrigsten Posten und haben es schwerer, auf der Karriereleiter aufzusteigen.

Konkrete Maßnahmen

Verwaltungsmanagement: Interkulturelle Kompetenz wird als Leitbild und Qualitätsmerkmal der Arbeit aller Bereiche des Bezirksamtes formuliert.

  • Entwicklung eines Leitbildes auf Führungsebene («Konzernziel»);
  • Entwicklung von Leitbildern für die einzelnen Fachbereiche;
  • Berichtswesen.

Personalmanagement: Weiterbildung und Schulung der MitarbeiterInnen:

  1. Stufe: Amts- und Gruppenleiter/innen;
  2. Stufe: Mitarbeiter/innen der publikumsstarken Bereiche;
  3. Stufe: Mitarbeiter/innen der publikumsschwachen Bereiche.

Ausbildung:

  • zielgerichtete Ausbildungswerbung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund (Kooperation mit Kreuzberger Oberschulen und schon existierenden Projekten);
  • Ausbildungsvereinbarung mit überbezirklichen Ausbildungsträgern zur Sicherung der interkulturellen Kompetenz in der Ausbildung.

Einstellungskorridor für interkulturell qualifizierte Fachkräfte (z. Zt. illusorisch).

Sozialplanung:

  • Sozialraumanalyse (bedarfsgerechte Beschreibung der Sozialräume);
  • Ausrichtung der Fachplanungen und Berichterstattungen nach interkulturellen Aspekten (Altenhilfeplan, Jugendhilfeplanung, Gesundheitsberichterstattung, usw.).

Außendarstellung der Verwaltung:

  • Mehrsprachiger Internet-Auftritt des Bezirksamtes;
  • Bezirksbroschüren in Teilen mehrsprachig (s. Angebote für Senior/innen, ehrenamtlicher Dienst, Senior/innen-Vertretung, Schwerbehinderte, usw.);
  • Präsentation der Info-Broschüren der einzelnen Fachabteilungen in den zentralen Bürodienstgebäuden und Bürgerämtern.

Zusammenarbeit mit freien Trägern

  • Verankerung der interkulturellen Öffnung in Kooperationsverträgen bzw. Leistungsverträgen;
  • Interkulturelle Kompetenzen als Qualitäts- und somit Förderkriterium;
  • Nutzung der Weiterbildungsangebote freier Träger für die Fortbildung der BA-Mitarbeiter.

Leitsystem innerhalb der Häuser

Beschwerdemanagement

Die Schwerpunkte der Schulungen

  • Im Wesentlichen sollte sich die Schulung der interkulturellen Kompetenz an folgenden Eckpfeilern orientieren:
  • Vermittlung von Wissen über historische, soziale und kulturelle Aspekte der Einwanderung und über die soziale Situation von Migrant/innen;
  • Respekt vor kulturellem Pluralismus in der Gesellschaft;
  • Sensibilisierung gegenüber Vorurteilen und Diskriminierung (z.B. von mangelnder Sprachkompetenz auf intellektuelle oder fachliche Inkompetenz zu schließen);
  • Aufklärung über die Ursachen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sowie daraus motivierte Gewalt und gesetzwidriges Verhalten;
  • Training zur Förderung der Akzeptanz für die multiethnische Zusammensetzung des öffentlichen Dienstes;
  • Verhaltensregeln für den Umgang mit Minderheitenangehörigen und deren Reaktionen (z.B. auf Polizeiinterventionen);
  • Einbindung von Angehörigen von Minderheiten in die Schulungsprogramme.

Die unter Federführung der bezirklichen Migrationsbeauftragten zu gründende Arbeitsgruppe, die die Umsetzung der Zielerreichung steuern soll, wird wie folgt bestückt:

  • Der/Die Vorsitzende des Immigrationsausschusses;
  • Ein/e Vertreter/in des Migrationsbeirates;
  • Die Migrationsbeauftragte;
  • Ein/e Vertreter/in des BA;
  • Je ein/e Vertreter/in der fünf Abteilungen;
  • Ein/e Vertreter/in des Personalrats.

Interkulturelle Öffnung Bezirksverwaltung Friedrichshain-Kreuzberg/ Sachstandsbeschreibung (10/2002)

  • Migrationsbeirat (Kreuzberg seit 1971, Friedrichshain seit 1992).
  • Migrationsbeauftragte.
  • Interner Dolmetscherdienst für den Bezirk (siehe Faltblatt).
  • EU-Projekt Gemeindedolmetscherdienst/Interkulturelles Gesundheitsnetzwerk, eingebettet in die Plan- und Leitstelle Gesundheitsförderung des BA.
  • Arbeitsgruppe Kiez Präv: regelmäßige bezirksübergreifende Treffen von Vereinen, Projekten und Regeldiensten zum Thema Prävention gegen sexuellen Missbrauch im interkulturellen Bereich; Organisation und Durchführung einer bundesweiten Fachtagung zu diesem Themenbereich im Juli diesen Jahres; eine Dokumentation der Fachtagung wird zur Zeit erstellt; Erstellung einer zweisprachigen Informationsbroschüre zu diesem Thema in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei, deutsch-türkisch), regelmäßige Fachgespräche und Veranstaltungen zu diesem Themenbereich).
  • Arbeitsgruppe Migration und Alter: In Zusammenarbeit zwischen dem Seniorenamt und der Ausländerbeauftragten des Bezirkes seit 1991 regelmäßig tagendes Fachgremium mit Vertretern aus Migrationsfachdiensten, Gesundheit und dem Seniorenbereich, Sozialdiensten, dem Pflegebereich, Wissenschaft und Fachschulen für die Krankenpflegeausbildung; Organisation von Informations- und Fachgesprächen, Vernetzung und Kooperation. Konkrete Beispiele: Erstellung einer Checkliste für ein kultursensibles Pflegeprofil von stationären Pflegeeinrichtungen, Durchführung einer Informationsveranstaltung über Alzheimererkrankung und Einrichtung einer Sprechstunde in türkischer Sprache für Angehörige von Alzheimerkranken, Beratung des Versichertenältesten der LVA mit türkischer Sprachmittlerin in der Seniorenfreizeitstätte am Mariannenplatz, Aufbau eines mehrsprachigen ehrenamtlichen Besucherdienstes für Krankenhäuser.
  • «Netzwerk Integration» für Migrant/innen aus dem osteuropäischen Raum (s. Anlage).
  • Sozialraum-AG’s unter Federführung der Jugendförderung.
  • Informationsveranstaltung zum Ausländer- und Einbürgerungsrecht für Mitarbeiter/innen der Verwaltung und der Projekte und Initiativen auf Anfrage durch die Migrationsbeauftragte.
  • Modellprojekt TIK – Weiterbildung für Multiplikatoren zur Stärkung der interkulturellen Beratungskompetenz, verbunden mit einer Organisationsberatung am Arbeitsplatz zum Transfer des erworbenen Wissens in die Einrichtung.
  • Teilnahme von Vertretern der Erziehungs- und Familienberatungsstelle und des Elternzentrums Mehringdamm des Jugendamtes Friedrichshain-Kreuzberg.
  • Erarbeitung eines Wegweisers für den Migrations- und Flüchtlingsbereich für den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg unter besonderer Berücksichtigung der Sprachkompetenz.
  • Einrichtung einer Website der Migrationsbeauftragten (in Planung).