Offener Beschwerdebrief an den Tagesspiegel

Berlin, 18.06.2012

An das Redaktionsteam,
An Frau Buntrock und Frau Schulze,

mit Entsetzen und größtem Widerwillen haben wir ihre reißerische Berichterstattung um die Ermordung von Semanur S. verfolgt. Wir verurteilen aufs Schärfste Ihrenherablassenden, menschenverachtenden und rassistischen Journalismus, der jegliche Sensibilität und Solidarität vermissen lässt.
Gewalt gegen Frauen ist in allen Kulturen und Schichten verbreitet und ist die weltweit am meisten vorkommende Menschenrechtsverletzung. Laut terre de femmes wird in Deutschland jeden 2 ½. Tag eine Frau durch ihren Partner umgebracht! Nichtsdestotrotz gibt es in Deutschland auch weiterhin keine gesetzliche Verpflichtung auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene zur nachhaltigen Finanzierung von Unterstützungsangeboten für von Gewalt betroffene Frauen. Dabei wird von Frauenrechtsorganisationen immer wieder darauf verwiesen, dass durch die fehlende und uneinheitliche Finanzierung es nicht möglich ist gleichwertig und ohne Ansehen der Herkunft, des Einkommens oder des Aufenthaltsstatus Schutz, Beratung und Unterstützung zu gewähren.
Während bei Gewalt gegen Frauen es also absolut keine Rolle spielt, welcher Kultur oder sozialen Schicht der Täter angehört, ist die Unterstützung, die von Gewalt betroffene Frauen erhalten, auch weiterhin von deren Herkunft und sozialen Schicht abhängig. Dies scheint Ihnen jedoch auf Ihrer Jagd nach reißerischen Schlagzeilen entgangen zu sein oder aber es ist Ihnen schlichtweg egal.
Anstatt sich mit den Frauen - auch jenen, die eine Migrationsgeschichte haben - zu solidarisieren, bedienen Sie rassistische Stereotype und fördern so eine Spaltung. Diese Spaltung und fehlende Solidarität wurde auch bei den Trauerfeiern für Semanur S. deutlich, bei denen Berliner_innen ohne sichtbare Migrationsgeschichte trotz weitreichender Einladung kaum anwesend waren.
Unbegreiflich und skandalös ist für uns des Weiteren die Entfernung unserer kritischen Kommentare zu Ihrer Berichterstattung vom 04.06.2012, deren widerwärtige, hämische Schlagzeile wir an dieser Stelle nicht wiederholen möchten.
Wir wünschen uns von Ihnen eine solidarische, die Position aller Frauen stärkende Berichterstattung. Falls Sie dazu jedoch nicht in der Lage sein sollten, dann empfehlen wir Ihnen den Wechsel zur Bildzeitung oder aber - besser noch - den Job als Journalistinnen gänzlich an den Nagel zu hängen.

Mit freundlichen Grüßen

Susanne Rößling                             Angelina Weinbender
Dest Dan e.V                       Migrationsrat Berlin Brandenburg e.V.

Bitte beachten Sie, dass jeglicher Schriftverkehr zu diesem Fall zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung von uns für Veröffentlichungen genutzt werden kann.

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