Aufruf zur Anerkennung und Wiedergutmachung des deutschen Völkermords in Namibia

Zwischen 1904 und 1908 wurden insgesamt fast 100.000 Menschen im heutigen Gebiet der Republik Namibia von der ehemaligen deutschen „Kaiserlichen Schutztruppe“ ermordet;
Noch immer weigert sich die Bundesregierung diesen von Deutschland verübten Genozid offiziell als solchen anzuerkennen und noch immer ist sie nicht bereit die gebührende Verantwortung hierfür zu tragen. Nicht einmal eine offizielle Entschuldigung für dieses Unrecht scheint die deutsche Regierung für nötig zu empfinden.

Am 30. September 2011 fand immerhin in der Berliner Charité die Übergabe der Gebeine von 20 Herero und Nama an ihre aus Namibia angereisten Nachfahren statt. Bei der Übergabezeremonie war jedoch einzig die Staatsministerin des Auswärtigen Amtes Cornelia Pieper (FDP) anwesend, was von der angereisten Delegation und den anwesenden Schwarzen Aktivist_innen als Respektlosigkeit mit den Ermordeten und den Opferverbänden aufgenommen wurde und als ein weiterer Beleg für die resolute Weigerung der Bundesregierung, sich ihre Schuld an dem Völkermord einzugestehen, aufzufassen ist.

Von „Völkermord“ oder der Bitte um Vergebung war bei der Ansprache der Staatsministerin nicht die Rede und sie verließ unmittelbar im Anschluss ihres Beitrags den Saal. Die Worte der namibischen Gäste erachtete sie hierbei wohl als vernachlässigbar. Erst durch ein verstärktes Engagement von Seiten der Namibischen Regierung der Opferverbände der Herero und Nama, des Aktionsbündnisses und Abgeordneter aller Oppositionsparteien in Deutschland in Folge des „beschämenden Verhaltens“ des Auswärtigen Amtes bei dieser Veranstaltung, konnte die Bundesregierung dazu bewogen werden, von ihrer starren Verleugnungshaltung abzurücken. Anfang Februar 2012 wurde der Afrikabeauftragte des Deutschen Auswärtigen Amtes Walter Lindner nach Namibia entsandt. Erstmalig wurden bei den Deutsch-Namibischen Gesprächen zu dem Völkermord, Opferverbände der Herero und Nama mit am Dialog beteiligt.

Mit der Unten aufgeführten Resolution stellen sich die Unterzeichner_innen hinter die Forderungen der Verbände der Opfer des deutschen Genozids nach ideeller und materieller Wiedergutmachung und zeigen sich solidarisch mit den Bemühungen dieser nach einer offiziellen Anerkennung des Genozids durch den deutschen Bundestag und der Bundesregierung.

Völkermord verjährt nicht!

Aufruf an die Mitglieder des Deutschen Bundestages zur Anerkennung und Wiedergutmachung des Völkermordes in der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“, der heutigen Republik Namibia

Wir – die unterzeichnenden Schwarzen und weißen Initiativen, Organisationen und Institutionen der Zivilgesellschaft – begrüßen das mit der Namibia-Reise des Afrikabeauftragten des Auswärtigen Amtes Anfang Februar 2012 verbundene Einlenken der Deutschen Bundesregierung und die dabei erfolgte Aufnahme von direkten Gesprächen mit Verbänden der Opfer des deutschen Völkermordes von 1904-08. Wir betrachten diese überfällige Bereitschaft zum Dialog mit den Vertretungen der unmittelbar betroffenen Völker als einen ersten unverzichtbaren Schritt auf dem Weg zur Versöhnung zwischen den Menschen in Namibia und Deutschland.

Mit dieser Resolution bringen wir unser Mitgefühl für das den namibischen Völkern, insbesondere den Herero, Nama, Damara und San zugefügte Leid zum Ausdruck. Wir sind dankbar für ihre großherzige Bereitschaft zum Gespräch mit den Nachfahren der Täter und erklären uns solidarisch mit ihrem Einsatz für „restorative justice“ – für eine Gerechtigkeit, die nur aus Deutschlands aufrichtiger Bereitschaft zur Wiedergutmachung erwachsen kann. Wir unterstützen ihr Bemühen um eine offizielle Anerkennung des Völkermordes durch den Deutschen Bundestag und die Bundesregierung. Ausdrücklich stellen wir uns hinter die Forderung der Opferverbände nach ideeller und auch materieller Entschädigung für das ihren Völkern widerfahrene kolonial-rassistische Unrecht sowie für ihre gravierenden Verluste an Hab und Gut.

Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages fordern wir auf,

  • jeder weiteren Leugnung des nach den Kriterien der UNVölkermordkonvention

von 1948 eindeutig als Genozid zu bewertenden
Völkermordes in der ehemaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ entgegenzuwirken und sich – wie im Falle des Genozids an den Juden – für seine rückwirkende Anerkennung durch Deutschland einzusetzen;

  • die Bundesregierung zu bewegen, den deutschen Selbstverpflichtungen bei

der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban 2001 nachzukommen und die Nachfahren der Opfer des deutschen Völkermordes offiziell und unmissverständlich um Entschuldigung für den an ihren Vorfahren verübten
Völkermord und die damit einhergehenden Verbrechen gegen die Menschheit zu bitten;

  • den intensiven und regelmäßigen Dialog über die mit einer Versöhnung

zusammenhängenden Fragen – wie u.a. über die Aufarbeitung und Wiedergutmachung des von Deutschland zu verantwortenden kolonialrassistischen Unrechts und seiner bis heute nicht überwundenen gravierenden Folgen für die Nachfahren der Opfer – mit dem Parlament der Republik
Namibia und den Opferverbänden aufzunehmen und auf den Beschluss konkreter Maßnahmen ausgerichtet zu führen

  • die Einrichtung einer Bundesstiftung zur kritischen Aufarbeitung des Genozids

und des deutschen Kolonialismus insgesamt sowie zur Förderung postkolonialer Erinnerungskulturen zu beschließen und diese zu beauftragen,
u.a.

    • die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Genozid und seine Folgen im Rahmen namibisch-deutscher Forschungsprojekte zu fördern;
    • die Verbreitung des Wissens über Kolonialismus, Rassismus und ihre Folgen in der deutschen Öffentlichkeit und in den Schulen zu sichern;
    • Austauschprojekte, die zur Versöhnung zwischen den Menschen beider Länder und zur Bekämpfung von Rassismus beitragen, zu fördern;
    • die Dekolonisierung des öffentlichen Raums in Deutschland zu unterstützen (Stopp der fortgesetzten Ehrung für Kolonialverbrecher mit Straßennamen und Denkmälern, stattdessen Würdigung von Persönlichkeiten des afrikanischen Widerstands);
  • die Bundesregierung zur konstruktiven Fortführung der aufgenommenen Gespräche mit der namibischen Regierung und mit den Opferverbänden zu veranlassen;
  • die Bundesregierung zu veranlassen, im Dialog mit der namibischen Regierung und mit den Opferverbänden angemessene materielle und strukturelle Wiedergutmachungsleistungen für die gravierenden ökonomischen Verluste der betroffenen Völker an Land, Vieh und anderem Eigentum zu vereinbaren;
  • die Bundesregierung zu veranlassen, die vereinbarten Wiedergutmachungsleistungen bedingungslos – d.h. ohne Einmischung in die freien Entscheidungen des namibischen Staates und der Opferverbände über deren Verwendung – zu erbringen.

Berlin, den 07.03.2012

AfricAvenir International
Afrika-Rat Berlin-Brandenburg
Afrika-Rat Nord
AFROTAK TV cyberNomads
Arbeitskreis Panafrikanismus München (AKPM)
Artefakte//anti-humboldt
Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (BER)
Berlin Postkolonial
Deutsch-Afrikanische Gesellschaft Berlin (DAFRIG)
Initiative Schwarze Menschen in Deutschland
(ISD-Bund)
Solidaritätsdienst International (SODI)

Initiativen, Organisationen und Institutionen, die ebenfalls unterzeichnen wollen, wenden sich bitte an Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Weitere Unterzeichner und Infos: www.restitution-namibia.de

Kontaktpersonen: Sharon Dodua Otoo: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. & Christian Kopp: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Telefon: 01799100976

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