„Nach wie vor ist Rassismus das häufigste Tatmotiv“

ReachOut stellt Zahlen für 2011 vor

Am vergangenen Mittwoch stellte ReachOut, Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, gemeinsam mit den Berliner Registern und dem Verzeichnis ihre Zahlen zu rassistisch, antisemitisch, homophob und rechtsextrem motivierten Angriffen und Vorfällen im Jahr 2011 vor. Insgesamt waren im Jahr 2011 230 Personen von solchen Angriffen betroffen, 2010 waren es noch 109 Fälle. Seit 2006 wurden so viele Fälle nicht mehr aufgezeichnet. Es ist somit zu einem sprunghaften Anstieg der gelisteten Übergriffe gekommen.

70 der 158 verzeichneten Angriffe waren rassistisch motiviert, damit ist Rassismus wie auch im letzten Jahr das häufigste Tatmotiv. Mittlerweile sind in Westberliner Stadtteilen (80) mehr Angriffe zu verzeichnen als in Ostberliner Stadtteilen (78). Die meisten Vorfälle ereigneten sich in den Stadtteilen Kreuzberg (17), Lichtenberg (16), Friedrichshain (16), Neukölln (15) und im Wedding (13). Gleich dahinter kommen Mitte und der Prenzlauerberg mit jeweils 12 bzw. 10 Fällen. Auffällig ist der Anstieg der Angriffe mit antimuslimischem und homophobem Hintergrund.

Was die Tatorte angeht sei vor allem erschreckend, dass sich neben öffentlichen Räumen und Verkehrsmitteln, auch viele Angriffe im direkten Wohnumfeld der Opfer ereigneten, was weitreichende psychische Folgen für die Betroffenen haben kann.

Wichtig bleibt hierbei zu betonen, dass rassistisch motivierte Angriffe „häufig von Täter_innen ausgeübt werden, die äußerst brutal ihrem Alltagsrassismus Ausdruck verleihen und nicht der extrem rechten Szene angehörig sind, [während] Angriffe gegen Linke in den meisten Fällen der organisierten Neonaziszene zuzurechnen [sind]. Das Täterprofil homophob motivierter Angriffe sei dagegen sehr heterogen und keiner bestimmten Bevölkerungsgruppen zuzuordnen.

In Folge der Debatten um die rassistischen Ausführungen Thilo Sarrazins im Jahr 2010, wurde ein sprunghafter Anstieg speziell anti-muslimischer Angriffe dokumentiert. ReachOut hat aus diesem Grund die in ihrer Datenbank und Dokumentation erfassten Tatmotive um die Kategorie „antimuslimischen Rassismus“ erweitert. Darüber hinaus wird die Einführung der Kategorie „Transphobie“ als notwendig erachtet.

Nicht zu unterschätzen sei auch die Gefahr, die von Seiten der Polizei selbst sowie von der Justiz ausgeht. In dem Polizeibeamt_innen in vielen Fällen die Opfer (vor allem rassistisch motivierter Gewalttaten) nicht ernst nähmen, würden Opfer oftmals zu Tätern diffamiert und Rassismus häufig als Tatmotiv nicht akzeptiert. In vielen Fällen würden Betroffene zunächst aufgefordert sich auszuweisen und zu ihrer eigenen Beteiligung bzw. unterstellten Mitschuld am Angriff befragt. Die Frage, ob die Betroffenen Schulden hätten, komme auch nicht selten vor. Dieses rassistische Vorgehen von Seiten der Polizei hat nicht selten psychologisch negative Auswirkungen auf die Betroffenen (die in manchen Fällen tatsächlich eine Mitschuld an der Tat in Betracht ziehen könnten). Des Weiteren führt dieses Vorgehen der Polizei oftmals dazu, dass sich die Angreifenden vom Tatort zu entfernen können und zwar bevor sie von den Beamt_innen kontrolliert werden können. Nicht zu unterschätzen sei auch - laut Sabine Seyb und Biplab Basu (Mitarbeiter_innen von ReachOut) - die Anzahl der Opfer rassistisch motivierter Polizeigewalt. Häufig reiche die Frage „Warum werde ich kontrolliert?“ aus, um von den Diensthabenden Beamt_innen misshandelt zu werden. Regelmäßig würden Betroffene solcher Angriffe die Berliner Opferberatungsstelle aufsuchen. Dagegen vorzugehen sei jedoch schwierig, da die Existenz von „Racial Profiling“, als eine Form des Rassismus in Deutschland, noch weitestgehend verleugnet wird.

Anders als bei der Kriminalstatistik der Polizei dokumentiert ReachOut auch Angriffe, die nicht zu Anzeige gebracht werden oder nicht als politisch motivierte Straftaten anerkannt werden. Dadurch liegen die, von der Beratungsstelle veröffentlichten Zahlen regelmäßig über denen der Polizeistatistik. Für das Jahr 2011 liegen von der Polizei noch keine Zahlen vor, für das Jahr 2010 jedoch listet die unter „politisch motivierte Kriminalität-rechts“ lediglich 29 Fälle, ReachOut dagegen 109. Hierunter zählen Fälle von Körperverletzung, versuchte Körperverletzung und „massiver Bedrohung“.

Der Beitrag stammt von Iris Rajanayagam, die für den Migrationsrat Berlin-Brandenburg am 29.03.2012 an der gemeinsamen Pressekonferenz von ReachOut, den Berliner Registern und dem Verzeichnis teilgenommen hat.

Detaillierter Informationen können der Pressemitteilung und der Statistik (2008-2011) der Beratungsstelle ReachOut entnommen werden:

Pressemitteilung von ReachOut als Pdf

Statistik von ReachOut zum Herunterladen

 

ReachOut Broschüre "Rückblicke - Praxen - Perspektiven"

Es geht darum, ganz verschiedene Menschen mit ihren Positionen, Analysen und Praxen zu Wort kommen zu lassen.

Es sind Momentaufnahmen, Fragmente zum Stand der Dinge, wie er sich (uns) zeigt, diskutiert und gelebt wird. – Nicht glatt, nicht frei von Widersprüchen, nicht absolut. Allerdings fokussieren alle in dieser Broschüre versammelten Beiträge Rassismus. Damit spiegeln sich auch der Projektalltag in der Beratungs-, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit und unsere eigenen politischen Lebensläufe und Aktivitäten wider.

Mit Beiträge und Interviews von und mit Biplab Basu, Riza Baran, Sharon Dodua Otoo, Tahir Della, Deniz Utlu, Sanchita Basu, Angelina Weinbender und vielen mehr.

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