Die Einsprachigkeit der Staatsministerin Böhmer

Auf dem 5. Integrationsgipfel der Bundesregierung am 31.1.2012 brachte die Staatministerin Maria Böhmer die Chancen des gesellschaftlichen Aufstieg von Migrant_innen in direkten Zusammenhang damit, „ob die Umgangssprache in der Familie Deutsch ist.“ Damit bewegt sich die Integrationsbeauftrage erkenntnistheoretisch rückwärts. Sprachwissenschaftler_innen wissen seit vielen Jahren, wie wichtig es für die Bindung innerhalb einer Familie sowie für die Entwicklung des Kindes ist, in der Herkunftssprache zu kommunizieren. Zudem ist es unumstritten, dass mehrsprachiges Aufwachsen ein Vorteil ist. Es geht nicht darum, der einen oder der anderen Sprache den Vorzug zu geben, sondern es geht darum beide (oder mehrere) Sprachen gleichzeitig zu erlernen. Für Kinder eine Leichtigkeit. Im Übrigen entspricht mehrsprachiges Aufwachsen der „Normalität“ weltweit. Eine Tatsache, die auch im Einwanderungsland Deutschland gelebter Alltag ist.

Böhmer verschreibt Migrant_innen die deutsche Sprache als Mittel für den gesellschaftlichen Aufstieg und verschleiert damit die politischen Strukturen, die diesen Aufstieg maßgeblich erschweren. Einmal mehr werden somit Migrant_innen im öffentlichen Diskurs als mit Defiziten ausgestattet und integrationsunwillig dargestellt. Impliziert wird sogar, dass Migrant_innen ihren Kindern schaden, wenn sie mit ihnen in ihrer Sprache kommunizieren. Damit wertet Böhmer die Erstsprachen von Migrant_innen ab, und gibt falsche Signale an die Gesellschaft. Kinder müssen von der Gesellschaft das Gefühl vermittelt bekommen, dass die Sprache, die sie von zu Hause mitbringen Wertschätzung erfährt. Dies ist zentral für eine positive Identifikation sowohl mit der Herkunftssprache als auch mit der Zweitsprache. Wenn Kinder das Gefühl vermittelt bekommen die Sprache ihrer Eltern sei weniger Wert kann dies dazu führen, dass sie sich für diese Sprache schämen. Eine Ablehnung des Deutschen könnte eine andere Reaktion sein, da ihnen diese Sprache in Konkurrenz zur Herkunftssprache präsentiert wird. Aber warum sollten sich Kinder zwischen zwei Sprachen entscheiden müssen? Die CDU-Politikerin liefert eine Legitimation für diskriminierende Sprachverbote an Schulen, welche den Alltag von Schüler_innen of Color in Berlin bestimmen. Von Migrant_innenselbstorganisationen werden solche Sprachverbote schon lange heftig kritisiert. Die Staatsministerin fordert nun zusätzlich ein selbst verhängtes Sprachverbot für zu Hause ein.

Kinder von Migrant_innen sollen selbstverständlich Deutsch lernen, dies sollte nebenbei und spielerisch passieren. Das „Sprachproblem“ ist keines was individuell von Seiten der Migrant_innen zu lösen ist, sondern eines, das politisch angepackt werden muss. Für Kinder von Migrant_innen ist es wichtig durch Kontakt zu Deutsch sprechenden Kindern ihre Sprachkenntnisse zu verbessern. Am Besten so früh wie möglich. Ein wichtiger Lern- und Begegnungsort ist dabei die Kita. Laut Statistischem Bundesamt, liegt die Quote von Kindern mit Migrationshintergrund, die Kitas besuchen bei den unter drei-jährigen Kindern bei 14 Prozent, bei Kindern ohne Migrationshintergrund bei 30 Prozent. Bei den drei bis fünf jährigen Kindern setzt sich dieses Ungleichgewicht fort. Anstatt also wieder mal Migrant_innen zum Sündenbock zu erklären wäre es sinnvoller, dass sich die Integrationsbeauftragte mit Familienministerin Schröder zusammensetzt. Gemeinsam sollten sie sich Gedanken machen, wie der Zugang zu Kitas ausgebaut und Hindernisse abgebaut werden können. Lobenswert wäre es wenn sie hierbei die Empfehlungen von Migrant_innenselbstorganisationen berücksichtigen würden. 

In den Schulen haben wir es wie in den Kitas mit Segregation zu tun. Viele Weiße (zugewanderte Neu-)Berliner_innen wohnen bevorzugt in den typischen, hippen Einwanderungsvierteln, ihre Kinder schicken sie jedoch lieber auf Schulen außerhalb des Bezirks. Diese weißen Parallelgesellschaften müssen aufgebrochen werden. Die Politik muss für eine heterogene Schülerschaft sorgen. Alle Sprachen, die in der Bundesrepublik gesprochen werden, sollten gleichwertig behandelt werden. Sprecher_innen von bestimmten Sprachen dürfen nicht strukturell benachteiligt werden. Mehrsprachigkeit ist ein Vorteil für die Entwicklung von Kindern und ein Vorteil für die ganze Gesellschaft. Nicht umsonst geben viele Eltern viel Geld aus für den mehrsprachigen Unterricht ihrer Kinder auf Privatschulen, um sie für die globalisierte Welt auszurüsten. In den meisten Fällen handelt es sich hierbei um Englisch, oder eine andere europäische Sprache. Mehrsprachigkeit muss wertgeschätzt und gefördert werden, unabhängig davon um welche Sprachen es geht. Eine Ausweitung des prüfungsrelevanten Fremdsprachenangebotes an Schulen ist dringend notwendig. Wichtige Sprachen für Deutschland sind unter anderem Türkisch, Arabisch und Russisch. Diese Sprachen sollten das gleiche Ansehen haben wie etwa Englisch, Französisch oder Spanisch. Die Politik muss das Bildungssystem dergestalt transformieren, dass Kinder von Migrant_innen nicht länger die Defizite im deutschen Bildungssystem (und in der Migrationspolitik) teuer bezahlen und für die Ergebnisse einer solchen Politik dann auch noch als die Schuldigen herhalten müssen.

MSOs fordern deshalb:

- Mehrsprachigkeit beim Personal sowie Ausweitung des Angebotes und finanzielle Unterstützung bei Kitas

- Abschaffung von Sprachverboten und ethnischer Segregationen in Kitas und Schulen

- Förderbedarf in Deutsch muss im Klassenverband erfolgen

- keine Etikettierung von Schüler_innen mit „nicht deutscher Herkunftssprache“

- Anspruch auf Muttersprache ins Schulgesetz aufnehmen

- mehr Lehrer_innen of Color

- Fortbildungen zu Kritischem Weiß-Sein

- Sensibilisierung zu Rassismus und Diskriminierung in Ausbildung und Unterricht

- Anonymisierung von Namen bei Bewertung

- Beschwerde- und Monitoringsystem

- Elternbeauftragte ins Schulamt

- Steigerung der Qualität der Schulen mit vielen Schüler_innen of Color

- Aufnahme deutscher Kolonialgeschichte und Migrationsgeschichte in Lehrpläne.

Diese Liste, die die dringlichsten Punkte aufzählt, zeigt deutlich auf, dass es an der Politik ist ihren Beitrag zur Verbesserung der Aufstiegsmöglichkeiten von Migrant_innen zu leisten. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Dies bedeutet Vielfalt in allen Bereichen. Eine Bringschuld, welche die Politik in den meisten Bereichen bis heute schuldig bleibt. Böhmer feiert den Nationalen Aktionsplan, da er, so die Staatministerin „die Chancen jedes einzelnen Migranten (sic!) auf gleiche Teilhabe“ ermögliche. Schade, dass sie mit ihren Aussagen das Gegenteil fördert.


Autorin: Sabine Bretz

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