2. Offener Beschwerdebrief gegen rassistische Glosse in der taz vom 19.04.2011

Berlin, 10.06.2011

Sehr geehrte Frau Pohl,
Sehr geehrter Herr Metzger,
Sehr geehrte Frau am Orde,

die künstlerische Freiheit, die in der von Herrn Micheal Ringel befürworteten Glosse steckt, lässt sich treffend mit May Ayim beschreiben: „Alle worte in den mund nehmen / egal wo sie herkommen / und sie überall fallen lassen /ganz gleich wen es / trifft (künstlerische freiheit, May Ayim).

 

Herr Ringel muss sich daher die Frage gefallen lassen, wie das Anverwandeln inferiorer, triebhafter Darstellungen mit entsprechendem rassistischen, kolonial-besetzten Vokabular, die gegenteilige Wirkung der verwendeten Worte beim Leser erzeugen soll?

Rassistische, kolonial-besetzte Sprache regt rassistische Denkrichtungen und Grenzüberschreitungen an oder wie Karl Kraus es ausdrückt: „Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens.“

Die von Herrn Ringel verwendete sarrazinische Weißwaschungsformel „Der Text ist nicht rassistisch, weil er nicht so gemeint war“ ist genauso inakzeptabel wie die unter seiner Leitung erschienene Glosse. Die Autonomie, die er bei der taz genießt, sollte er nicht für rassistische Diffamierungen missbrauchen. Ein von ihm öffentlich Vorgebrachtes Eingeständnis seines Fehlverhaltens ist angebracht, vor allem wenn er der Meinung ist, dass es gar nicht so gemeint war.

Der Verweis auf die Autonomie der Wahrheit Redaktion entbindet unserer Ansicht nach die Chefredaktion der taz nicht von der Verantwortung für die Denkrichtungen, die durch die taz angestoßen werden. Es zeugt von mangelnder Konsequenz einerseits rassistische, kolonial-besetzte

Sprachbilder für die taz abzulehnen und sie andererseits unwidersprochen zuzulassen. Daher ist es auch völlig ungenügend auf öffentlich gemachte rassistische Diffamierungen mit hausinternen Auseinandersetzungen zu reagieren (auch wenn diese sicherlich ebenso notwendig wären). Als Vertreter_innen der Chefredaktion eines einflussreichen, meinungsmachenden linken Mediums stehen Sie vielmehr in der Pflicht einen kritischen Gegendiskurs zu eröffnen, beispielsweise durch den Start einer Artikelserie zur Bedeutung und Wirkkraft rassistischer, kolonial-besetzter Sprache in Zeitungen, Schul- und Kinderbüchern, Straßennamen etc.  Insbesondere das Stadtbild Berlins bietet hierfür zahlreiche Anknüpfungspunkte.

Wenn Sie zur Abbildung der Realität auf das N-Wort nicht verzichten möchten, so wäre, neben einem kritischen Artikel aus der Feder eines Schwarzen Menschen über die Verwendung des  N-Worts und was es über den/die Sprecher_in aussagt, eine hausinterne Einigung - als bewusste Distanzierung - denkbar, bei der das Unwort durch ein * gekennzeichnet und am Ende des Textes mit einer entsprechenden Erläuterung versehen wird. Hausintern ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich auch die Anzahl und jeweilige Position der bei Ihnen beschäftigten Schwarzen Deutschen und People of Color von öffentlichem Interesse.

Zur Verdeutlichung unserer Position möchten wir Sie auf das Interview des Migrationsrats Berlin Brandenburg am 20.05.2011 bei radio corax verweisen.

In Erwartung auf Ihre weiteren Schritte verbleiben wir

mit freundlichen Grüßen

Elena Brandalise
Migrationsrat Berlin Brandenburg e. V.
Oranienstr. 34 10999 Berlin
Tel.: +49(30) 616 587 55
Fax: +49(30) 616 587 56
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Unterstützer_innen:

ADEFRA e.V. - Schwarze deutsche Frauen und Schwarze Frauen in Deutschland
Afrika-Rat e.V.
Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD-Bund) e.V.
Migrationsrat Berlin Brandenburg e.V. (MRBB),
Türkischer Bund in Berlin-Brandenburg e.V. (TBB)  

Bitte beachten Sie, dass jeglicher Schriftverkehr zu diesem Fall zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung von uns für Veröffentlichungen genutzt werden kann.

2. Beschwerdebrief.pdf
1.Beschwerdenbrief.pdf
Antwortschreiben der taz

Link zum Radiointerview (André Degbeon und Angelina Weinbender): www.freie-radios.net/41087